Patellaluxation

Vorweg sei angemerkt: Das Nachstehende stellt lediglich meine persönliche Erkenntnis und gedankliche Zusammenfassung aus allen möglichen Quellen dar und erhebt keinesfalls den Anspruch auf eine neue Einsicht oder gar vollständige oder wissenschaftliche Betrachtung. Vielmehr soll diese Seite dazu dienen, alle Züchter zum Gedanken- und Erfahrungsaustausch aufzurufen.

 Patellaluxation aus der Sicht des Züchters
(Lorena Galanti, eigene Meinung ohne wissenschaftlichen Anspruch)

Was ist Patellaluxation?

Auf die durch Unfall erworbene Patellaluxation, die hauptsächlich größere Rassen betrifft, wird in diesem Aufsatz nicht weiter eingegangen. Die Patellaluxation (PL), bzw. die Verlagerung der Kniescheibe, die  hauptsächlich Klein- und Zwerghunde jeder Rasse und Hunde mit steiler Hinterhand wie Chow-Chows betrifft, ist ein erblicher Defekt. Die Kniescheibe ist bei den betroffenen Hunden luxierbar, d.h. sie verbleibt nicht am vorgesehen Platz, sondern verlagert sich durch leichten Druck oder ganz von selbst nach außen oder innen (lateral/medial). Dieser Zustand kann vorübergehend oder dauerhaft auftreten, manchmal Lahmheit und Schmerzen verursachen, meist aber nicht, und oft sogar symptomlos bleiben. Zur Befundung werden die Kniegelenke von zertifizierten Patella-Untersuchern manuell im Stehen und Liegen abgetastet und der Hund im Laufen bewertet. Röntgenaufnahmen des Kniegelenkes sind zur Diagnose und Gradeinteilung nicht geeignet, sie sollten aber angefertigt werden, wenn eine Operation in Erwägung gezogen wird, um die richtige Operationsmethode festzulegen.

Die PL wird in 4 Grade eingeteilt, als PL 0 bezeichnet man Hunde, die frei von Patellaluxation sind.

    • Grad 1:  Es besteht eine habituelle (wiederkehrende) Luxation, durch Druck kann die Kniescheibe in Beuge- und Streckbewegung luxiert werden, sie gleitet bei nachlassendem Druck aber spontan in die Trochlea ossis femoris (Patellagleitlager/ Rollfurche) zurück.
    • Grad 2:  Die Patella kann durch den Untersucher oder das Tier selbst bei gestrecktem Knie luxiert werden – sie gleitet nicht selbständig, sondern durch aktiven Druck oder passive Beugung oder Streckung des Kniegelenks in die Rollfurche zurück.
    • Grad 3:  Die Kniescheibe ist permanent nach medial oder lateral luxiert, durch Druck kann sie in das Gleitlager zurückverlagert werden, bei nachlassendem Druck reluxiert die Patella wieder in ihre Ausgangsstellung.
    • Grad 4:  Die Patella ist permanent stationär luxiert, eine Reposition ist nicht möglich.
  • Anatomische Ursachen für die Verlagerung der Kniescheibe sind
    • Mangelhaft bis gar nicht ausgebildete Patellagleitlager/Rollfurche, bzw. zu wenig hohe Rollkämme, d.h. das Gleitlager, in der die Kniescheibe hin- und herbewegt wird, ist nicht tief genug.
    • Zu kleine oder zu große Kniescheibe, die nicht richtig in die Rollfurche passt.
    • Achsenfehlstellungen der Hinterbeine (O- und X). Dadurch wird die Kniescheibe bei Bewegung schräg zur Rollfurche gezogen, wodurch es auf Dauer zu Überdehnung der Seitenbänder kommt. Bei 0-Beinen springt die Kniescheibe nach innen und bei X- Beinen   nach  außen  heraus.
    • Durch obige Fehler kann es zu einer falschen Zugrichtung des Musculus quadriceps femoris (der aus vier Muskelsträngen besteht) kommen, was zur Verlagerung der Kniescheibe führt.
    • Falscher Muskelansatzpunkt.
    • Mangelhafte Muskulatur.
    • Schäden an Hüfte und/oder Wirbelsäule treten nicht selten in Kombination mit insbesondere schwerer Patellaluxation auf, wobei nicht immer zu klären ist, ob das eine die Folge des anderen ist oder umgekehrt, daher sollten immer auch Hüfte und Wirbelsäule bei der Untersuchung gründlich miteinbezogen werden.
    • Schwaches Bindegewebe, dadurch Ausleiern der Bänder/Sehnen und Gelenkskapsel, und fehlender Halt für die Kniescheibe.

      Studienergebnisse

    Bei Zwerghunden hat man jahrelang auf Hündinnen selektiert, die leichte Geburten haben, was durch ein weiches Bindegewebe begünstigt wird. Leider ist ein schwaches Bindegewebe mit eine Ursache für Patellaluxation. Jede Läufigkeit und Trächtigkeit führt zur mehr oder weniger vorübergehenden oder dauerhaften Bindegewebserweichung. Jedoch führt auch Kastration zu einem Erkrankungsanstieg um 3,6 % wie eine österreichische Studie ergab. Die Ursachen für dieses Phänomen, bedürfen weiterer Studien. Einen gewissen Einfluss auf den prozentualen Anstieg könnte ggf. Übergewicht infolge der Kastration haben, das fortgeschrittene Alter oder auch ein veränderter Stoffwechsel.

    Man könnte nun meinen, Rüden sind aufgrund der fehlenden hormonellen Schwankungen nicht so häufig betroffen wie Hündinnen und hätten höchstens nur leichte Patella, die nicht zur Verschlechterung neigt. Doch die Statistik des SPPC (Schweizerische Papillon und Phalene Club, siehe auch unten) zeigt überraschenderweise, dass dies nicht so ist. Fast die Hälfte der zur Zweituntersuchung vorgestellten Rüden wiesen eine Verschlechterung auf. Auch die österreichischen Studie aus dem Jahr 2005 weist keine signifikanten Unterschiede bei den Geschlechtern auf.

    Der Schweizerische Papillon- und Phalene Club (SPPC) hat sich an einer Studie der Universität Bern beteiligt, die über mehrere Jahre geht und voraussichtlich ca. 2006/2007 abgeschlossen sein wird. Die Studie untersucht die Patellaluxation beim Papillon und prüft in einem Modellprojekt die Anwendung der Zuchtwertschätzung. Bei einem polygenen Erbdefekt wie der PL mit unterschiedlichem Ausprägungsgrad und unterschiedlichem Zeitpunkt des Auftretens scheint Zuchtwertschätzung die einzig sinnvolle Möglichkeit der Zuchtselektion zu sein. Bislang gibt es aber weltweit keine Zuchtwertschätzung für PL. Da die Studie noch nicht abgeschlossen ist und der Zwischenbericht auf einer zu geringen Datenmenge beruht, sind die nachstehenden Werte vorerst mit Vorbehalt und insbesondere bezogen auf Papillons zu sehen. Auch ist zu berücksichtigen, dass der SPPC bereits seit über 10 Jahren selektiert, und somit bereits zu Beginn der Studie Teilerfolge vorweisen kann.

    Der SPPC hatte dazu auf seiner Homepage sehr interessante Auswertungen und Statistiken veröffentlicht, die leider im Internet nicht mehr verfügbar sind. Die Statistik dokumentierte, dass es mehrere Generationen braucht, um eine deutliche Verbesserung der Kniegelenke in einer Rasse zu erzielen. Zuerst verschwindet hochgradige PL bei den Junghunden. Erst nach und nach scheint sich auch bei den mittel– und hochgradig Betroffenen eine nachweisbare Verbesserung zu ergeben. So waren 1989/90 66,7 % Papillons bei Erstuntersuchung PL-frei, 19 % waren PL 1, 7,9 % PL 2 und 6,3 % PL 3. Im Jahr 1997/1998 hingegen bereits 94,2 % PL-frei, 1,9 % PL 2, 3,8 % PL 2 und 0 % PL 3. Damit kann man durchaus von einer erfolgreichen Zuchtselektion sprechen, wenn da nicht die veränderten Befunde bei der Nachkontrolle wären.

    Denn aus diesem Zwischenbericht ist ebenso hervorgegangen, dass ca. 40 % der Hunde, die mit ca. 15 Monaten PL 0/0 waren, mit fortschreitendem Alter bei der Zweituntersuchung (nach 3 Jahren) doch noch PL 1 oder 2 entwickelt haben. Bei der Erstuntersuchung waren ca. 90 % der untersuchten Hunde PL-frei. Bei der  Nachuntersuchung ab dem 3. Lebensjahr waren nur noch ca. 55 % PL-frei. Von den Hunden, die bei der Nachuntersuchung PL hatten, waren ca. 13 % PL 3. Von den Hunden, die bei Erstuntersuchung PL 0/0 waren, hatten allerdings nur 5 % PL 3 und 13 % PL 2, 20 % PL 1, hingegen von den Hunden, die PL 1 hatten bei Erstuntersuchung waren bei der Nachuntersuchung 71 % PL 3, 14 % PL 2, jedoch auch 14 % mit PL 1 unverändert. Einjährige PL-freie Papillons, die Vierjährig immer noch PL-frei waren, scheinen es auch zu bleiben. Solche, die bei Zweitkontrolle PL 1 hatten, können mit zunehmendem Alter mittel- und hochgradige PL entwickeln, ohne dass dies wesentliche Auswirkungen auf die Funktion des Gelenks oder Lahmheiten zur Folge hatte. Allerdings erweisen sich diese Zuchttiere als schlechtere Vererber, da sie bei den Nachkommen mehr PL-Hunde haben, als jene, die unverändert im Befund geblieben sind.

    Weiter ging daraus hervor, dass Rüden genauso an PL erkranken, wie Hündinnen, nur dass es bei Ihnen etwas länger dauert, bis die PL manifest wird, d.h. untersucht man alle Rüden und Hündinnen im Alter von 3 - 4 Jahren, fällt auf, dass genau so viele Rüden an PL leiden, wie Hündinnen. Fast die Hälfte der zur Zweituntersuchung vorgestellten Rüden wiesen eine Verschlechterung auf. Demzufolge ist es nicht richtig anzunehmen, dass PL, die nach dem 2. Lebensjahr auftritt lediglich aufgrund der hormonellen Auswirkungen bei Zuchthündinnen “erworben” ist. Vielmehr kann man höchstens davon ausgehen, dass Hormone bei der Hündin dazu führen, dass PL bei diesen früher auftritt als beim Rüden. Daher wäre es wichtig, zumindest Rüden im Alter von mindestens 3 Jahren noch einmal zu untersuchen. Da sich Rüden wesentlich häufiger reproduzieren, als Hündinnen - eine Hündin kann rein theoretisch max. zwei Mal im Jahr belegt werden, ein Rüde "kann" das ganze Jahr - ist eine besonders gründliche und häufige Nachuntersuchung gerade der Rüden meines Erachtens unverzichtbar.

    In einer österreichischen Studie (Vidoni/Sommerfeld-Stur, Eisenmenger) aus dem Jahr 2005 zeigten 61,6 % der untersuchten Hunde PL. 15,5 % (rechtes Kniegelenk) bzw. 12,8 % (linkes Kniegelenk) davon litten an einer permanenten Lahmheit. Bei 3,5 % (rechts) bzw. 4,6 % (links) zeigten intermittierende (zeitweise) Lahmheit.

    Untersucht wurden 432 österreichische Hunde 32 verschiedener Klein- und Zwerghunderassen. Interessant an der österreichischen Studie aus dem Jahr 2005 dürfte sein, dass die PL-Fälle mit jedem zusätzlichen Kilogramm um das 0,8fache sanken, d.h. also je leichter das Tier, desto höher die Chance an PL zu erkranken, je schwerer das Tier, desto geringer. Kastrierte Tiere hatten eine 3,10fach höhere Erkrankungschance. Ebenso stieg die Chance an PL zu erkranken mit jedem zusätzlichen Lebensjahr um das 1,10 fache. Diese letzte Feststellung ist keine Überraschung, da sich auch aus dem Zwischenbericht der Berner Studie ergibt, dass sich PL auch noch in fortschreitendem Alter einstellen und der Schweregrad auch zunehmen kann.

    Für Deutschland habe ich leider keine aktuellen offiziellen Untersuchungsergebnisse erhalten, man kann aber davon ausgehen, dass ähnliche Werte auch für deutsche Klein- und Zwerghundrassen gelten. Meine vorsichtige Schätzung geht je nach Rasse von mindestens 60 – 80 % aus, wenn man die Hunde nach dem 3. Lebensjahr untersuchen würde, je nachdem welche mehr oder weniger strengen Selektionsmaßnahmen die jeweiligen Dachverbände und Vereine umsetzen. Wobei unbestritten ist, dass über 90 % der Hunde, die vor dem zweiten Lebensjahr untersucht werden pl-frei sind und die bereits eingeführten Selektionsmaßnahmen in den betreffenden Vereinen auch schon dahingehend Erfolg zeigen, dass die Anzahl der schweren operationsbedürftigen PL-Fälle zurückgeht.

    Behandlung

    Trotzdem sind dies erstmal alarmierende Zahlen, man muss dabei aber berücksichtigen, dass die überwiegende Zahl der PL-Fälle lediglich leichten Grades sind und nur wenige davon
    überhaupt wirklich ein Krankheitsbild zeigen, das einer Behandlung bzw. einer Operation bedarf. Bedenken sollte man auch, dass es zum Teil operationswütige Tierärzte gibt, die bereits eine PL 1 völlig unnötiger Weise operieren und damit das Tier dem Risiko aussetzen, nach der OP schlechter zu laufen als vorher, womöglich irreversibel. Eine zweite Meinung eines Spezialisten einzuholen ist in jedem Fall ratsam, auch sollte, wenn operiert werden muss, nur von einem Spezialisten operiert werden.

    Auch wenn es trotz dem hohen Befall relativ wenige behandlungsbedürftige PL-Fälle gibt, ist dies längst kein Grund, sich zurückzulehnen als Züchter. Kein Züchter kann heute garantieren, nur PL-freie Welpen (bis ins Alter) zu züchten, höchstens, dass der Hund zum Zeitpunkt der Übergabe patellaluxationsfrei ist und seine Zuchttiere ebenfalls. Selbstverständlich sollte man als Züchter bestrebt sein, Verpaarungen möglichst so zu wählen, dass Elterntiere und möglichst viele Ahnen bis ins hohe Alter patellaluxationsfrei sind oder waren und dass man nach den heutigen Erkenntnissen sein Möglichstes tut, um Nachwuchs zu züchten, der keine Probleme mit der Kniescheibe bekommt, dies fordert übrigens auch das Qualzuchtgesetz. Leider ist es aber so, dass selbst patellaluxationsfreie Eltern, Großeltern etc, keine garantiert patellaluxationsfreie Welpen zeugen, wie ja auch die Studien an den schweizerischen Papillons ergeben hat. Die Bezeichnung "patellaluxationsfreie Zucht" kann sich daher lediglich immer nur darauf beziehen, dass der Zuchtbestand patellaluxationsfrei ist zum Zeitpunkt der Untersuchung.

    Es wäre vermutlich wichtig zu unterscheiden, ob es sich um eine knochenbedingte Ursache für die PL handelt oder eine rein bindegewebliche Ursache, was allerdings oft nicht leicht zu differenzieren ist und nicht selten auch als Mischform vorliegt. Eine rein bindegewebliche Ursache scheint keine schweren Formen von PL zu verursachen, die operiert oder behandelt werden müssen. Die Hunde zeigen in der Regel weder Schmerzen noch Lahmheiten, sind nicht im Bewegungsablauf beeinträchtigt.

    Eine Operation von Hunden mit PL, die keine Schmerzen verursacht, ist nach Ansicht einiger Experten zumindest bei leicht gebauten Kleinhunden falsch. Mehr und mehr setzt sich die Erkenntnis durch, dass man nur dann operieren sollte, wenn der Hund deutlich an Schmerzen leidet, da man ansonsten Gefahr läuft, dass der Hund nach der Operation mehr beeinträchtigt ist, als zuvor. Das gelegentliche Liften des Beines bei sonst vergnügtem Herumtoben und Springen ist nicht zwangsläufig ein Zeichen von Schmerzen, sondern meist nur eine kurzfristige schmerzlose Blockade des Gelenkes, sofern der Hund ansonsten unverändert lauf- und sprungfreudig ist. Leicht gebaute Zwergrassen entwickeln aufgrund ihres geringen Gewichtes bei genügend Bewegung (wer rastet, der rostet) kaum Arthrosen, eine vorbeugende OP ist daher nicht vorbehaltlos zu empfehlen, sondern immer im Einzelfall sehr gründlich und gewissenhaft abzuwägen. Allerdings ist dies bei schwergewichtigen Rassen und übergewichtigen Hunden anders zu bewerten, ein Mops muss ggf. durchaus schon bei einer leichten PL operiert werden, um einer Arthrose vorzubeugen. Insbesondere junge Hunde, die noch im Wachstum sind, laufen bei voreiliger Operation Gefahr, dass diese nicht von dauerhaftem Erfolg gekrönt ist, da sich durch das Wachstum wieder Veränderungen an Knochen, Muskulatur und Bändern ergeben können. Außerdem ist es bei lebhaften Junghunden auch problematisch, die zwingend nötige Schonung nach der OP strikt einzuhalten, was ebenfalls den Erfolg der OP gefährdet. Auch bei alten Hunden, die bereits an Herz etc. erkrankt sind, sollte man gut abwägen, ob der Nutzen vor dem Schaden steht und man ggf. nicht mit einer konservativen Therapie besser fährt. Ebenso ist nicht unerheblich, ob es sich um eine gravierende Achsenfehlstellung handelt, oder nur um leichte, die sich ggf. im weiteren Wachstum bei richtiger Ernährung und Auslauf noch ausgleichen kann. Ob also eine Operation notwendig ist, richtet sich nach Schmerzzustand, Alter und den anatomischen Gegebenheiten.

    Als Operationsmethoden kämen Gelenkkapselraffung, Vertiefung des Patellagleitlagers, Korrektur der Achsenfehlstellung, eine Verlegung des Muskels quadrizeps femoris etc. und Kombinationen daraus in Frage. Die Nachsorge sollte strikt nach den Anweisungen des Tierarztes erfolgen, zusätzlicher gezielter Muskelaufbau (Bergauflaufen, schwimmen) zu gegebener Zeit in Absprache mit dem Tierarzt ist ratsam. Von der Gabe von Hormonen/Anabolika zum Muskelaufbau möchte ich abraten, da die Nebenwirkungen und Spätfolgen nicht überschaubar sind.

    Um einer OP vorzubeugen, kann man Hündinnen zum Zeitpunkt der Läufigkeit und (Schein-) Trächtigkeit täglich einen Teelöffel Kieselerde unter das Futter mischen und Übergewicht tunlichst vermeiden. Bei bestehender leichter Patellaluxation kann man mit  Grünlippmuschelextrakt, Gelatine, Glukosamine, MSM und Chondroitin einer Arthrose und schmerzhaften Gelenksveränderungen vorbeugen.

    Ursachen

    Die Ursachen für eine Patellaluxation sind zum Großteil genetischer, zum Teil aber auch umweltbedingter Natur. Eine Kombination aus beiden Faktoren (Gene und Umwelt) ist selbstverständlich möglich und evtl. auch für die besonders schweren Fälle mitverantwortlich.

    • D.h. eine Bindegewebsschwäche kann genetischen Ursprungs sein, ebenso aber eine Folge falscher Ernährung und falscher Haltung.
    • Ein mangelhaft ausgebildeter Rollkamm kann genetischen Ursprungs sein, ebenso
      aber eine Folge mangelhafter Ernährung oder falscher Haltung während des Wachstums.
    • Ein X- oder O-Bein kann ebenso genetischen Ursprungs sein, aber auch eine Folge aus mangelhafter Ernährung und falscher Haltung während des Wachstums.

      Zuchtwertschätzung

    Um den genetischen Pool nicht zu sehr einzuschränken, wird von Tierärzten bei polygenetischen Merkmalen wie der PL empfohlen, über die Methode "Zuchtwertschätzung" zu selektieren. Wie die Methode funktioniert und dass sie ausgezeichnet funktioniert lesen Sie unter dem Link des TG-Verlag GmbH * Verlag für Tierzucht und angewandte Genetik * Giessen

    http://www.hundezucht-aktuell.de/publikation/zwsallg.htm l

    http://www.hundezucht-aktuell.de/publikation/zwserf.htm l

    Bei konsequenter Anwendung konnte man mit dieser Methode z.B. bei der Rasse Bernersennenhund zumindest eine deutliche Vermehrung der HD-freien Tiere und eine deutliche Senkung der schweren HD-Fälle erreichen. Inwiefern auch die Schweizer Papillons bei der PL-Problematik von dieser Methode profitieren und ob sie infolge auch auf andere Rassen übertragbar ist, wird das Zuchtwertschätzungsmodell der Schweizer Universität Bern zeigen.

    Es könnte u.U. schwierig sein, alle Welpenkäufer freiwillig für eine Kontrolluntersuchung zu gewinnen. Motivieren ließe sich dies evtl. durch die garantierte Übernahme der Kosten durch den Züchter (Gutschein oder Geldzurück bei Vorlage des Untersuchungsergebnis), aber auch durch Überzeugungsarbeit der Tierärzte, schließlich haben sie es ja auch geschafft, die Halter vom Sinn (oder Unsinn, aber das ist ein anderes Thema) des “jährlichen” Impfens zu überzeugen. Auch eine Solidarkasse nach Art des Deutschen Jadgterrierclubs wäre erwägenswert.

    Züchterische Maßnahmen

    Genetische Ursachen lassen sich durch entsprechende Selektion beeinflussen. Umwelteinflüsse lassen sich zum Teil durch richtige Haltung und Ernährung beeinflussen.

    Da die Zuchtwertschätzung noch nicht einsetzbar ist, weil ein solches Programm speziell beauftragt, programmiert und finanziert werden müsste, empfiehlt es sich, über die derzeit zum Teil bereits durchgeführten Selektionsmaßnahmen hinaus, wie Erstuntersuchung durch spezialisierte Tierärzte vor Zuchtzulassung, freiwillig weitere Maßnahmen zu ergreifen:

    Selektionsmaßnahmen

    Da möchte ich zunächst die mir von Frau Bolt (schweizerische Papillonzüchterin) empfohlenen Ratschläge weitergeben: Bei der Auswahl der Zuchttiere auf genügende Knochenstärke achten, damit Platz für ein tiefes Gleitlager und die Ansatzpunkte von Sehnen und Bändern ist. Gute Winkelungen bevorzugen, steile Hinterhand vermeiden. Schlaffe Tiere mit weichem Rücken, durchgetretenen Karpalgelenken vermeiden, Hündinnen nach dem Wurf erhalten die ersten 2- 4 Wochen zur Festigung des Bandapparates homöopathisch Calcium Fluoratum D6. Ich persönlich setze mehr auf Naturheilmittel und gebe zur Festigung des Bandapparates Kieselerde und Grünlippmuschelextrakt, außerdem mische  ich Brennnesselblätter unter das Futter und vermeide jegliches Getreide im Futter. Des Weiteren sollte man verstärkt nachweislich patellaluxationsfreie Alttiere zur Verpaarung mit Jungtieren einsetzen. Zuchttiere in jungen Jahren sparsam für die Zucht verwenden, Nachzucht möglichst komplett auf PL untersuchen. In den letzten Zuchtjahren Nachzucht aufheben von Althunden, die nachweislich patellaluxationsfrei geblieben sind und überdurchschnittlich patellaluxationsfreie Nachzucht gebracht haben und vor allem Nachkontrollen der Zuchttiere und insbesondere der Deckrüden mindestens ab dem dritten Lebensjahr.

    Die Problematik der PL besteht auch darin, dass PL auch mit fortschreitendem Alter auftreten kann, und zwar selbst bei schweren Graden ohne jegliche Symptome. D.h., dass der Hund, der vor der Zuchtzulassung bei der Untersuchung Pl-frei war, später dann doch eine mehr
    oder weniger schwere Patellaluxation entwickeln kann, die aber meist ohne Symptome bleibt und somit unentdeckt, wenn keine Nachuntersuchung erfolgt und dadurch die Schadgene weitergegeben werden. Es ist nämlich mit Nichten so, dass man jede PL am Hinken oder „Eiern“ erkennt, bzw. dass jede schwere PL Lahmheit etc. mit sich bringt. Ich kenne mehrere Hunde, die PL 3 haben und rein gar nicht hinken oder lahmen, vielmehr ohne Mühe stundenlang laufen und herumspringen. Selbst Hunde mit PL 4 kenne ich, die zwar einen etwas eierigen Gang haben, aber ansonsten keine Probleme haben. Ja, sogar umgekehrt, es gibt Hunde, die fleißig das Beinchen liften und trotzdem keinerlei Defekte am Skelett, weder palpatorisch noch röntgenologisch, nachweisbar sind. Man möge sich also hüten, vorlaut über solche Hunde ein Urteil zu fällen.

    Aus allen Studien resultiert, man darf sich als Züchter nicht darauf verlassen, dass eine einzige Untersuchung vor dem 3. Lebensjahr einen Befund erbringt, der stabil bleibt. Man ist sich im Grunde nie ganz sicher, ob man wirklich einen pl-freien Hund hat, durch Nachuntersuchungen erlangt man allerdings zunehmende Gewissheit. Viele Züchter und Zuchtvereine sind sich dessen leider nicht bewusst, da sie davon ausgehen, dass ein Hund, der mit 12 bis 18 Monaten auf Patellaluxation untersucht wurde und ohne Befund war, dies auch zeitlebens bleibt, da die betroffenen Hunde ja oft symptomlos bleiben.

    Ein weiteres Problem bei der Selektion von PL ist, dass selbst Hunde, die in mehreren Generationen PL-frei gezüchtet sind, trotzdem wieder PL-Nachkommen zeugen können. Diese Problematik lässt sich vermutlich nur durch Zuchtwertschätzung (siehe oben Pkt. 5.) in den Griff bekommen. D.h. man muss bei der Bewertung der Zuchtpartner berücksichtigen, welchen PL-Status Ahnen und Nachkommen haben. Durch ausgetüftelte Computerprogramme ließe sich ein sog. „Zuchtwert“ für PL berechnen, der einem dann eine gezielte Verpaarung auf PL-freie Nachkommen ermöglichen würde, wobei man natürlich immer im Kopf behalten muss, dass ein Hund aus mehr als aus Kniegelenken besteht und selbstverständlich auch andere Kriterien bei der Zuchtauswahl eine Rolle, z.T. auch übergeordnete Rolle spielen müssen! Allerdings müsste so ein Programm für PL erst noch erarbeitet werden, es wird sich zeigen, wie das Schweizer Modell in der Praxis umgesetzt werden kann. Für andere Erbkrankheiten wie HD, Augenerkrankungen, aber auch Leistungsmerkmale werden solche Berechnungen bereits mit Erfolg in der züchterischen Praxis eingesetzt.

    Ich möchte nun aber ganz und gar nicht den Eindruck erwecken, dass man PL auf Teufel komm raus bekämpfen und rigoros jeden PL-Grad ausselektieren muss. Erstens würde das, wie oben schon erwähnt, den Inzuchtgrad bei den meisten Rassen in die Höhe schnellen lassen. Es hat keinen Sinn, die Population durch Selektion so stark zu reduzieren, dass man am Ende im genetischen Flaschenhals hängt und sich weit schlimmere Erbkrankheiten eingehandelt hat. Mit einer leichten PL kann jeder Hund ohne jedes Problem uralt werden, mit einer erblichen Blutkrankheit, Herzerkrankung, Nieren- oder Leberschaden, kann das Leben bereits nach wenigen Jahren erlöschen. Man hätte sozusagen den Teufel mit dem Belzebub ausgetrieben. Selektionen müssen immer im Rahmen dessen liegen, was die genetische Population erlaubt. Zweitens müssen auch noch viele andere Belange in der Zucht berücksichtigt werden, die auch einer Selektion bedürfen und man muss von Fall zu Fall, abwägen, welchen Kriterien mehr Gewicht eingeräumt werden muss, um eine gesunde und typvolle Rasse zu erhalten.

    Daher sollte das züchterische Bestreben sein, zunächst die schweren PL-Fälle in der Zucht zu eliminieren ohne dabei andere gesundheitliche Aspekte zu vernachlässigen oder gar den Typus Preis zu geben, denn was bringt es eine Rasse zu züchten, die als solche nicht identifizierbar wäre. Auf lange Sicht sollte man selbstverständlich dann auch die leichteren Grade deutlich zurückdrängen. Bei den meisten Rassen ist es aus populationsgenetischer Sicht zunächst nötig, auch die Hunde in der Zucht zu belassen, die PL 1 oder gar 2 (Zwergspitz, Yorkishire Terrier etc.) haben, wobei diese dann nur mit PL-freien Partnern, deren Eltern ebenfalls Pl-frei sein sollten, verpaart werden dürfen. Ganz wichtig aber wäre es, auch Nachuntersuchungen im fortgeschrittenen Alter durchzuführen, um auch die veränderten schweren  Befunde zu selektieren, damit diese sich nicht maskiert weitervererben können.

    Wie es bei anderen Nicht-VDH-Verbänden gehandhabt wird, weiß ich nicht. Bei VDH-Vereinen müssen seit dem Jahr 2000 alle Zuchttiere von speziell ausgebildeten und zertifizierten Tierärzten auf PL untersucht werden. Die Vereine haben zum Teil unterschiedliche Selektionsmaßnahmen. Zum Teil werden nur PL 0/0 Hunde zur Zucht zugelassen, wobei das Mindestalter 12 Monate beträgt und keine Nachuntersuchung vorgesehen ist und somit kaum eine spätere Verschlechterung erfasst wird, z.T. wird für die Untersuchung ein Mindestalter von 15 Monaten verlangt, es werden auch PL 1- oder PL 2-Hunde (je nach Rasse) zugelassen, die dann aber nur mit Pl-freien Partnern verpaart werden dürfen, deren Eltern auch PL-frei sein müssen, zusätzlich wird eine Nachuntersuchung der PL 1–Tiere mit 3 Jahren gefordert.

    Aufzucht

    Neben dem Hauptmerkmal der Selektionsmaßnahmen muss der Züchter zum einen auf optimale Ernährung achten. Zur Ernährung möchte ich an dieser Stelle nur soviel sagen, dass meiner Ansicht nach naturbelassenes Futter in der richtigen Zusammensetzung jedes Fertigfutter übertriff, das in der Regel aus bis zu 80 % Getreide und Fleischmehlen obskurer Herkunft besteht. Welcher Wolf ernährt sich überwiegend vegetarisch? Eine solche Ernährung führt zu übermäßigem Schnellwuchs, was das gesamte Skelett negativ beeinflusst. Nicht Proteine (wie viele irrtümlicherweise annehmen), sondern Energie im Übermaß sind die Ursache für Skelettschäden, dies ist längst in vielen Studien nachgewiesen, wird aber leider in der Praxis nicht umgesetzt bzw. missverstanden. Und wenn man schon zu Fertigfutter greift, dann sollte man bei Zwergrassen solche Futter wählen, die einen hohen Anteil an „hochwertigem“ tierischen Protein und einen möglichst geringen oder gar keinen Anteil an Getreide jeglicher Art enthalten, die Energie/ Kohlehydrate sollten besser aus Gemüsen/Obst und Fett kommen. Ein Futter, das an erster Stelle Getreide nennt und erst an nachrangiger Stelle Fleisch, sollte man im Regal stehen lassen.

    Zum anderen sollte der Züchter bereits für das richtige Maß an Bewegung sorgen. Weder eine Unterforderung, noch eine Überforderung ist anzustreben. Es ist wichtig, dass der Junghund genug Muskelgewebe bildet, da die Muskeln wenigstens dem Gelenk im Fall der Fälle Halt geben, wenn schon das Bindegewebe oder der Knochenbau zu schwach ist. Einer der stärksten Muskeln des Körpers, der Musculus quadriceps femoris, streckt das Kniegelenk. Er kommt vom Beckenbereich und setzt mit seiner Endsehne (Patellaband) am vorderen oberen Ende des Schienbeines an. Allerdings ist auch jede Überlastung des Welpen/Junghundes zu vermeiden, also kein hartes oder forciertes Training durch ständiges Stöckchen- und Ballwerfen oder Fangspiele, aber eben auch keine übertriebene Schonung. Stattdessen sollte dem Welpen/Junghund ermöglicht werden, sich ausreichend nach Lust und Laune zu bewegen und Herumzutoben möglichst mit gleichaltrigen Rassevertretern, da so die Kräfte zueinander passen, und bei Spaziergängen sollte die fünf-Minuten-Regel beherzigt werden, d.h. der Welpe/Junghund sollte pro Lebensmonat nicht mehr als 5 Minuten am Stück zügig laufen, danach eine längere Pause einlegen, bevor der Spaziergang fortgesetzt wird. Bleibt der Welpe/Junghund zurück oder legt er sich sogar hin, ist bereits das zumutbare Maß deutlich überschritten und sollte künftig beachtet werden. Wenige Treppenstufen, z.B. auf der Terrasse sind ok, jedoch täglich mehrfach mehrere Stockwerke tabu! Dies kann das gesamte Skelett schädigen. Außerdem sollte ein Welpe/ Junghund grundsätzlich niemals von Höhen runterspringen, die er nicht selbst ersprungen ist. Aber zu bedenken ist auch, dass die Höhe einer Eckbank bereits für viele Zwerghund-Welpen ohne Mühe zu erspringen ist, das entspricht nicht selten dem 3-4fachen seiner eigenen Größe. Man stelle sich vor, einen Schäferhundwelpen diese Entsprechung springen zu lassen. Mit Recht würde jeder Fachmann sagen, dass man da selbst Schuld trage, wenn es zu HD kommt. Um Schäden zu vermeiden, sollte man rechtzeitig Steighilfen vor Couch, Sessel etc. anbringen oder solche Höhen für Tabu erklären. Ein Läufer vor Couch, Sessel etc. ist bei rutschigen Böden immer angebracht. Rutschige Böden (Laminat, Fließen, Parkett) und harte Sprünge können zu Mikroverletzungen führen, die im Verdacht stehen in Folge bei Zwergrassen im fortgeschrittenen Alter leichte PL-Grade (1-2) hervorzurufen (http://www.offa.org/patluxgeninfo.html). OfA (Ortopedic Foundation for Animals), older animals with grade 1 and 2 luxations may exhibit sudden signs of lameness because of further breakdown of soft tissues as result of minor trauma or because of worsening of degenerative joint disease pain.

    Diese Vermutung wurde allerdings bisher von deutschen Tierärzten nicht so gesehen und auch nicht weiter bestätigt, allerdings auch nicht erforscht. Als erworbene Patellaluxation wird bislang nur eine Luxation infolge schwerer Verletzung gewertet, die mit sofortigen heftigen Schmerzäußerungen verbunden ist und somit nicht unbemerkt erfolgen kann. Die Annahme einer erworbenen Patellaluxation aufgrund von Microverletzungen müsste meines Erachtens daher zunächst durch Nachzuchtkontrolluntersuchungen gefestigt sein, bevor man sich züchterisch auf eine bloße Annahme stützt und PL im fortgeschrittenen Alter züchterisch ignoriert, d.h. treten vermehrt PL-Fälle bei den Nachkommen auf, ist weniger von einer erworbenen als von einer genetischen Ursache auszugehen. Dennoch sollten Halter vorsorglich Überlastungen ihrer Hunde vermeiden.

    Junghunde sollten nicht fett gefüttert werden. Ab der 12 Lebenswoche sollten sie zunehmend schlanker erscheinen, eher etwas zu dünn, als babyspeckig. Die Rippen sollten bei leicht aufgelegter Hand gut zu spüren sein, der Körper sollte sich straff und fest anfühlen und keinesfalls schwammig. Erst mit gut 2 Jahren ist der Körperbau in seiner Entwicklung abgeschlossen, bis dahin sollte man dem Hund keine Höchstleistungen bei Jogging, Frisbee, Flyball,
    Agilitymeisterschaften, am Radlaufen etc. abverlangen.

    Vererbung

    Doch auch wenn oben genannte Maßnahmen wichtig sind, um die Entstehung oder Verschlechterung von PL zurückzudrängen, so sind doch die Selektionsmaßnahmen, die der Züchter zu ergreifen hat, das A  und O bei der bei Kämpfung der erblichen PL, denn die genetische Komponente ist mit ca. 50 % (h²) sehr hoch. In der Schweizer Studie der Universität Bern hat man für Papillons festgestellt, dass eine Heritabilität, also eine Erblichkeit von ca. h² vorliegt, was im Klartext bedeutet, dass 50 % genetischen Ursprungs sind, andererseits aber 50 % umweltbedingt. Dieser Erblichkeitsanteil ist im Vergleich zu anderen Erbkrankheiten sehr hoch (im Vergleich dazu liegt die Erblichkeit von HD nur bei ca. 25 % je nach Rasse) was gleichzeitig bedeutet, dass es auch sehr gut selektierbar wäre, wenn man denn nur die richtigen Selektionsmaßnahmen ergreifen würde und zwar unter Berücksichtigung der Veränderbarkeit der Befunde mit zunehmendem Alter. Im Gegensatz zur HD, wo man seit kurzem ein Hauptgen verantwortlich macht, ist bei PL nach den bisherigen Erkenntnissen der Experten nicht von einem Hauptgen auszugehen, sondern nach wie vor von einem  polygenetischen rezessiven Erbgang mit Schwellenwertcharakter, wobei man nicht weiß, wie viele Gene beteiligt sind. D.h. man nimmt als Denkmodell an, dass die Patellaluxation nur dann auftritt, wenn auch der Partner die gleichen Gene weiter gibt, so dass es zu homozygoten Genpaaren unbestimmter Anzahl kommt und gleichzeitig ein unbekannter Schwellenwert
    überschritten wird. Unter Schwellenwert versteht man, dass es einer bestimmten Anzahl homozygoter Genpaare bedarf, damit die Patellaluxation in Erscheinung tritt, wobei auch niemand weiß, welchen Wert die Schwelle hat. Z.B. könnten „hypothetisch“ 30 Gene für PL verantwortlich sein, der Schwellenwert könnte bei 20 liegen, das würde bedeuten, dass bei 19 gleichen Genpaaren noch keine PL hervorgerufen wird, obwohl 19 Genpaare im Tier angelegt sind, die PL auslösen könnten, sobald ein weiteres Genpaar hinzutritt, d.h. erst ab 20 Genpaaren träte PL in Erscheinung (die Zahlen sind willkürlich gewählt). Das erklärt dann auch, warum es mehrere Generationen ohne PL geben kann und plötzlich dann doch wieder ein PL-Fall in den Nachkommen auftritt.

     Hätten wir nur noch Hunde, die nicht schlechter als PL 1 befundet wären, könnten wir uns wahrlich glücklich schätzen. Es ist also keinerlei Grund vorhanden, mit dem Finger auf Züchter zu zeigen, die Hunde mit PL leichten Grades in ihrer Nachzucht hatten, oder solche  Hunde in der Zucht belassen, sofern diese tatsächlich auch im fortgeschrittenen Alter stabil bleiben und gewissenhaft verpaart werden. Denn nur so lässt sich bei den meisten Rassen der genetische Flaschenhals vermeiden, der gravierendere Erbkrankheiten unweigerlich mit sich bringen würde. Bei den meisten Rassen ist ein Züchter, der auch mit leichtgradiger PL züchtet nicht per se schlechter, als der, der nur mit PL 0 Hunden züchtet, den der erste trägt ebenso dazu bei, dass die Rasse gesund erhalten wird, indem er den genetischen Flaschenhals vermeiden hilft. Und ein Züchter, der auf Dauer striktest nur Pl 0 Hunde in der Zucht einsetzt, wird über kurz oder lang mit Inzuchtproblemen zu kämpfen haben (Literaturempfehlungen dazu: Wachtel, Stur, Eichelberg)

    Es liegt also ein harter Weg vor uns Züchtern, der nur in gemeinsamer Arbeit zu meistern ist. Wir sollten uns nicht "nur" von “hochtypischen Köpfchen”, Fell und Farben blenden lassen und die offene und ehrliche Diskussion und Erfahrungsaustausch suchen, dann würde man feststellen, dass im Grunde jeder mit dem selben Problem kämpft und bräuchte sich gegenseitig kein Theater vorspielen.

    Kein Grund zur Panik

    Dem Käufer möchte ich empfehlen, keine Hysterie zu entwickeln, wenn er einen Hund mit leichter PL haben sollte. Ein Hund mit leichter PL hat in aller Regel keinerlei Probleme, er braucht in keiner Weise geschont werden. Bei hundegerechter Haltung (siehe dazu oben 6.2 Aufzucht) wird er damit ohne Probleme uralt werden. Selbst Hunde mit PL 2 und sogar mehr müssen selten operiert werden. Ich selbst habe eine Hündin mit 11 Jahren, die seit dem 4. Lebensjahr zunächst PL 1, dann 2, dann 3 hat. Sie läuft mit uns noch immer begeistert mehrere Stunden Wanderungen wie am Schnürchen, hat noch nie in ihrem Leben je ein Beinchen geliftet oder gehumpelt, noch Schmerzen gehabt.

    Appell: Falls Sie einen Kleinhund aus VDH-Zucht haben, stellen Sie Ihren Hund bitte mit Ahnentafel einem zertifizierten PL-Untersucher (eine Suchmaske nach PLZ finden Sie unter

    http://www.tieraerzteverband.de /suche/index.php3?engine=4)

    zur Untersuchung vor und senden Sie den ausgefüllten Befundungsbogen an die zuständigen Vereine, so helfen auch Sie mit, künftig gesündere Hunde zu züchten.

    Autor: Lorena Galanti, Artikel erschienen in Breeders Special 4/2006.


    Frau Erika Bolt, Papillionzüchterin in der Schweiz und Vorstandsmitglied des SPPC, schrieb mir auch noch Folgendes zum Thema:

    " ... eine Hündin, die vor dem Werfen PL-frei ist, nach Würfen aber verändert, erleidet diese Veränderungen in der Regel nur an den "weichen" Teilen, also dem Bandapparat. Das Skelett, das ja bei pl-freien Tieren eine korrekte Struktur hat mit einer geraden Achse (weder x- noch o-beinig) und eine genügend tiefe Rille, in welcher die Kniescheibe sich bewegt, die bleiben bei den Veränderungen in der Regel gut. Wir konnten auch beobachten, dass solche nach Würfen veränderten Tiere keine Beschwerden durch den Befund PL 2 hatten, d.h. sie entwickeln weder gravierende Arthrosen noch Ausfälle im Gangwerk (kein intermittierendes Hinken usw.).

    Wenn Sie Jungtiere röntgen lassen ist das nicht schlecht, aber auch keine Garantie. Achten Sie lieber auf eine genügende Knochenstärke, also keine "dünnen" Beinchen, sondern so breite Knochen, dass auch Platz ist für einen tiefen Sulcus, dass Platz ist für die Ansatzpunkte von Sehnen und Bändern. Und achten Sie auf gute Winkelungen. Steile Winkel sind auch im Verdacht, PL zu begünstigen. Beim Papillon haben steil gewinkelte Hunde oft einen flachen Sulcus der Patella, d.h. die Kniescheibe liegt relativ weit oben (patella alta) und ich vermute, dass die steilen Winkel in den ersten Lebensmonaten dazu führen, dass zu wenig formative Reize auf die Ausbildung eines tiefen Sulcus ausüben. Darum im Skelett: breite Knochen, gute Winkel, gerade Achse vom Hüftgelenk bis zur Zehenspitze!

    Bei den Bändern: schlaffe Tiere mit "weichem" Rücken, durchgetretenen Karpalgelenken (Vorderfusswurzel) vermeiden. Hündinnen nach Wurf erhalten in den ersten 2-4 Wochen zur Festigung des Bandapparates homöopathisch Calcium fluoratum D 6.

    Welpen und Junghunde aus "gesunden" Linien brauchen in den ersten Monaten genügend Auslauf, also nicht in 1 Quadratmeter-Pferchen aufziehen, sondern so viel laufen lassen, wie sie möchten (nicht überfordern mit langen Spaziergängen, nur freier Auslauf nach Wahl). Ich bin fast sicher, dass zu wenig Bewegung, d.h. Schonung in den ersten 12 Wochen, auch zum Problem beiträgt. Die Entwicklung einer kräftigen Muskulatur, das Skelettwachstum und die dauernde Anpassung der verbindenden Teile wird durch artgerechte Bewegung unterstützt. Ich denke, dass man zwar durch Käfighaltung bei pl-befallenen Welpen verhindern kann, dass sich der Schaden schon früh zeigt, aber das Problem damit eliminieren kann man sicher nicht.

    Eigene Meinung aufgrund Erfahrungen in Papillons und durch keinerlei wissenschaftlichen Studien oder Vergleiche in andern Rassen belegt:" .