B-Wurf-Protokoll

B-Wurf-Protokoll

6. Juli 2000

Die Nacht vom 5. zum 6. verläuft ruhig. Hätte der Temperaturabfall auf 36, 3 ° C am Vortag nicht die bevorstehende Geburt angekündigt, hätte ich keinen Anlass anzunehmen, dass es bald soweit ist.

 

8.00 Uhr

Am Morgen stehe ich wie gewohnt auf und wundere mich, dass die Nacht so ruhig verlaufen ist. Anika macht einen ganz normalen Eindruck, wie üblich döst sie noch in meinem Bett, während ich im Bad bin. Als ich dann am Frühstückstisch sitze, stell ich fest, dass Anika fehlt, ungewöhnlich, denn auf ein Stück Butterbrot ist sie immer scharf. Ich rufe sie, sie kommt zunächst nicht, dann erscheint sie im Hausgang und bellt mich kurz aber fordernd an. Ich weiss sofort was los ist, denn diesen Ruf kenn ich noch von Chiqui. Also lass ich alles stehen und liegen, sperre die anderen Hunde ins Wohnzimmer und begebe mich mit gereinigten Händen zu Anika.

 

8:02 Uhr

Wir liegen beide auf der Matratze, Anika hechelt.

 

8:20 Uhr

Die Presswehen setzen ein. Wie auch bei Chiqui waren keine Vorwehen erkennbar. Es dauert nicht lange, da erscheint die Fruchtblase, die auch sofort platzt. Die Wehen sind wesentlich schwächer als bei Chiqui und Anika ist auch sichtlich irritiert.

 

9:00 Uhr

Es erscheint das Hinterteil. Wie bei der Geburt von Anika bei Chiqui, ist auch dieser Welpe eine Steisslage mit verdrehter Lage, die Wirbelsäule liegt nicht parallel zur Mutter, sondern seitlich. Die Eihaut ist bereits gerissen. Es ist höchste Eile geboten, den Welpen zu befreien, da er sonst erstickt. Ich richte die Hündin auf, damit ich mit ein paar Hyghienetüchern besser anpacken kann und auch um die Wehen zu forcieren, ...

 

9:15 Uhr ... es braucht aber noch ettliche Wehen, bei denen ich immer mitziehe, bis es endlich geboren ist. Beim Austritt schreit Anika auf. Ich beruhige sie und greife gleichzeitig ins Becken der Mutter: ja, es ist schon ein nächster Welpe unterwegs. Es ist ein Mädchen in einer undefinierbaren Farbe, antrazit mit einem goldenen Schimmer (später hab ich gelernt, dass es die Farbe blue-fawn ist), sehr langgestreckt und nicht atmend. Ich will keine Zeit verlieren und nable das Kleine selbst ab. Die Nachgeburt ist noch in der Mutter, damit mir die Nabelschnurr nicht auch noch im Geburtsgang verschwindet, klemme ich eine desinfizierte Lötzange daran. Das hantieren mit dem nassen Faden, will nicht so recht gelingen, und ich frag, mich ob es da nichts besseres zum Abnabeln gibt. Auch die Nabelschnurr ist furchtbar zäh und es gelingt mir weder mit den Fingernägeln, noch mit Zerreisen, sie durchzutrennen, also nehm ich die desinfizierte Schere. Endlich ist die Kleine abgenabelt. Ich sauge das Fruchtwasser aus der Nase, rubble und schwenke es lehrbuchmässig nach unten, um das Fruchtwasser aus der Lunge zu bekommen und massiere es im Nacken. Endlich beginnt es zu atmen und ich kann es wiegen: 150 g, beachtlich, sah gar nicht so schwer aus, da sie aber relativ lang ist, auch wieder plausibel. Nun versuch ich die Kleine zum Trinken zu animieren, was sofort gelingt. Anika zeigt noch nicht viel Interesse an der Kleinen, aber das ist nicht ungewöhnlich, da ja noch eins unterwegs ist.

 

Dann ist erstmal eine lange Pause, in der Zwischenzeit erholt sich Mutter und Kind, Anika putzt die Kleine, so ausgibig, dass der Faden zum Abnabeln sich löst, der Nabel beginnt wieder zu bluten. Also binde ich ein zweitesmal ab, aber auch dieser Faden hält nicht lange, wie sich später herausstellt. Ich werd immer ungeduldiger, denn die Pause währt.

 

11:30 Uhr

Die zweite Fruchtblase erscheint, riesengroß und prall gefüllt. Ich passe auf, dass die Hündin ja nicht dran geht, damit sie nicht zu früh zerreisst.  Wehen sind nicht zu sehen.

 

12:00 Uhr

Presswehen setzen ein.

 

12:12 Uhr

Nach ca. 10 Wehen erscheint in Vorderendlage das Köpfchen, anpacken ist nicht notwendig, da es mit der nächsten Wehe von selbst kommt. Ein Griff in das Becken der Mutter sagt mir, dass scheinbar kein weiterer Welpe vorhanden ist. Ich kann nicht sehen, was es ist, denn die Nabelschnurr ist sehr sehr kurz, die Nachgeburt noch in der Mutter, ich kann weder abnabeln noch, sonst was tun, also versuch ich ganz ganz vorsichtig an der glitschigen Nabelschnur die Nachgeburt hervorzuziehen, was einige Zeit braucht, denn es passen kaum meine Finger dazwischen, immerhin ist nach einigen Bemühungen etwas mehr von der Nabelschnur da, so dass ich endlich abnabeln kann. Es ist ein Junge, er atmet selbstätig, ist agil und wiegt 129 g. Auch diesmal klemme ich die Lötzange an das Ende der Nabelschnur. Der Kleine beginnt sofort zu trinken.

 

12:20 Uhr

Endlich ploppt die Nachgeburt heraus. Die Geburt ist abgeschlossen. Ich bin glücklich, dass alles überstanden ist, auch diesmal ohne Kaiserschnitt und ein Mädchen für mich dabei ist. Sie soll Betty-Bou heissen, der Junge wird nach längeren Diskussionen mit Peter Billy-Beau genannt. Ich wollte ihn Buggsy Melone nennen, aber Peter meint, das wär ein Verbrecher gewesen und der Kleine wird schließlich ein ganz braver. Auch von Billy-The-Kid war er nicht zu überzeugen, also einigten wir uns auf Billy-Beau, denn schließlich ist es ein schöner.

 

7. Juli 2000

1:30 Uhr werde ich wach vom Schreien des Mädchens. Es schreit ohne Unterlass ganz jämmerlich. Es liegt abseits der Mutter und Anika scheint sich rein gar nicht dafür zu interessieren. Der Rüde liegt an ihrem Bauch.

Der Bauch von Betty-Bou ist ganz prall und so massiere ich ihn sanft, es geht Kot ab. Sie beruhigt sich etwas. Ich hoffe, dass das das Problem war und lege sie wieder zu Anika.

 

2:00 Uhr

Es dauert nicht lange, da liegt sie wieder abseits und schreit jämmerlich. Der Bauch ist wieder prall und der Körper fühlt sich kalt und schlapp an. Ich bin in großer Sorge und rufe beim Tierarzt an. Ich soll Temperatur messen. 34,8°C. Er gibt Anweisung die Umgebungstemperatur auf über 30 ° C zu bringen und den Bauch zu massieren. Mehr könnte er auch nicht tun. Ich  hänge also die Infrarotlampe auf. Hauche die Kleine mit meinem Atem und zwischen den Händen warm, massiere weiter, aber es wird nicht besser.

 

Nach Stunden endlich beruhigt sie sich, also leg ich sie zurück zu Anika ins Welpennest, Billy-Beau nuckelt derweil an den Zitzen. Wie sich später herausstellte, war das ein folgenschwerer Irrtum. Lediglich ihre Kräfte liesen nach.

 

6:30 Uhr

Ich werde wieder von kräftigem Geschrei wach, diesmal ist es der Junge, das Mädel liegt schlaff und offenem Mund abseits, Schnappatmung hat eingesetzt. Ich bin entsetzt, rufe sofort beim Tierarzt an. Wieder meint er, dass er nicht viel tun kann. Ich sag ihm, dass mir das ganz egal ist, dass ich jetzt sofort komme, da ich befürchte, dass die Mutter als nächstes ein Problem haben wird.

 

7:20 Uhr

Die Klinik ist leider ca. 35 Minuten entfernt, und als ich ankomme, ist der Tierarzt auch noch nicht eingetroffen. Sofort seh ich nach Betty-Bou, doch es ist zu spät, sie ist tot. Der Bauch ist nun extrem aufgegast, ihr Mäulchen kläglich verzerrt. Ich bin unendlich traurig und besorgt, dass Billy-Beau das gleiche Schicksal ereilt.

 

7:30 Uhr

Der Tierarzt trifft endlich ein, das Warten kam mir vor wie eine Ewigkeit, auch wenn ich mit Bauchmassieren bei Billy-Beau beschäftigt war. Der Tierarzt kann es nicht glauben, dass die Kleine schon tot ist und will sie noch ultraschallen, doch ich lehne dies ab und bitte ihn, zunächst sofort nach dem Rüden zu schauen, der auch schon ganz appatisch war - das Schreien ist in Wimmern übergegangen, der Körper kraftlos. Billy-Beau bekommt Glucoselösung gespritzt, kurz darauf scheinen die Lebensgeister zurückzukehren. Auf meinen Wunsch bekommt er noch Gammaglobuline gespritzt, Antibiothika lehnt der Tierarzt ab, er meint, da Billy-Beau ja schon deutlich besser drauf ist, als vor ein paar Minuten, sollten wir damit noch warten. Dann wird Anika untersucht, sie hat Fieber 39,6, °C,  das Gesäuge ist entzündet, ein Abstrich wird genommen und zur Untersuchung eingesandt. Ebenso Betty-Bou, um die Todesursache zu klären und evtl. Virusinfektionen auszuschließen. Alles per Fahrradkurier, da Eile geboten ist.

Zu Hause angekommen wird Billy-Beau die nächsten Tage mit der Hand aufgezogen, um eine Infektion über die evtl. unsaubere Muttermilch zu verhindern. Saugreflex ist nicht vorhanden,so muss er mit Pipette ernährt werden, rund um die Uhr alle ca. 2 Stunden. Ich wiege ihn vor dem Füttern und nach dem Füttern, um einigermassen sicherzugehen, dass die Milch auch im Magen landet. Da Anika die Pflege ablehnt, muss auch dass von mir übernommen werden, da er alleine noch keinen Kot absetzen kann. Der erste Kot ist schaumig, nach und nach wird er fester, aber immer noch grieselig mit wässerlichen Absonderungen. Außerdem pumpe ich bei Anika regelmässig die Milch ab, 1. um den Milchfluss aufrecht zu erhalten, 2. um die Baktieren herauszubekommen. Nach zwei Tagen ist das Fieber weg.

10. Juni 2003

Die Untersuchung ergab eine Milchinfektion mit diversen Bakterien und auch das Mädchen hatte reichlich bakteriellen Befall.

11. Juni 2003

Ein weiterer Zitzenabstrich ergibt, dass die Milch nun wieder in Ordnung ist. Auch Billy ist zu Kräften gekommen und der Saugreflex wieder stark genug, dass er wenigstens ein wenig selbst saugen kann, sicherheitshalber bekommt er aber weitere zwei Tage noch etwas über die Pipette, so dass er kontinuierlich zunimmt. Anika übernimmt nun auch wieder die Pflege, so dass ich langsam aufatmen kann.

Meine Erklärung für die verdorbene Muttermilch ist, dass ich Anika vermutlich verdorbene Welpenmilch (aus der Zoohandlung) gefüttert habe, d.h. die Milch war zwar nicht verfallen lt. Verfallsdatum, jedoch evtl. schlecht gelagert. Sie hatte sich geweigert die Milch zu trinken, ich hab sie mit Eigelb und Sahne schmackhafter gemacht, das war mein großer FEHLER.

Gelernt hab ich daraus, dass ich künftig nur noch hochwertige Welpenmilch (gute Milch wird gerne und gierig verzehrt) rechtzeitig beim Tierarzt ordere und dass ich mich nie wieder von einem Tierarzt abwimmeln lasse, wenn ich der Ansicht bin, dass meine Hunde tierärztliche Hilfe benötigen. Ebenso, dass ich nicht auf eine Besserung vertrauen kann, da sich innerhalb weniger Stunden der Zustand dramatisieren kann.

Ich war monatelang nicht in der Lage, diesen Bericht zu schreiben, zu schmerzhaft war die Erinnerung.